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Publizieren in der Wissenschaft

Kategorie: Wissenschaftskommunikation

Gründung der AG Open Media Studies

Interesse an Open Science, Open Access oder Open Educational Resources in der Medienwissenschaft? Kommt zum Gründungstreffen der AG Open Media Studies!

Das Treffen findet statt am 28.09., 14-15.30 Uhr, auf der GfM-Jahrestagung in Siegen.

Bei Interesse an einer Mitarbeit oder an einer Aufnahme in den eMail-Verteiler bitte eine kurze Nachricht schreiben.

 


AG Open Media Studies

Open Science zielt darauf ab, möglichst Viele an der Produktion und Distribution von Wissen teilhaben zu lassen. Forschung, Lehre und Publikationen sollen möglichst transparent und offen durchgeführt werden, um Wissenschaft nachhaltig und inklusiv zu gestalten. Rechercheergebnisse müssen nachvollziehbar und nachprüfbar sein, damit sie anschlussfähig und nachnutzbar sind. Dafür gilt es, auch die Arbeitsprozesse selbst zugänglich zu machen. Open Science legt den Fokus auf kollaborative und kooperative Arbeitsformen. Je nach Disziplin und Forschungsprojekt kann dies sehr unterschiedliche Formen annehmen.

Ziel der 2018 gegründeten AG Open Media Studies ist es, die Medienwissenschaft für Open Science zu sensibilisieren und Arbeitsprozesse transparenter zu machen. Dafür gilt es, sich mit wissenschaftlichen Praktiken, Methoden und Ansätzen in der eigenen Disziplin kritisch auseinanderzusetzen und Best-Practice-Beispiele zu erarbeiten. Openness soll dabei sowohl als Chance als auch Herausforderung diskutiert werden. Im Kern medienwissenschaftlich ausgerichtet schließt die AG an transdisziplinäre theoretische wie wissenschaftspolitische Debatten um Offenheit und Zugang in der Wissenschaft an. Durch öffentliche Beiträge in Medien und auf Konferenzen sowie das Ausrichten von Fachtagungen und Workshops soll eine sichtbare Positionierung der deutschsprachigen Medienwissenschaft in diesem Feld erfolgen.

Zu den Schwerpunktthemen zählen (s. auch Open-Media-Studies-Blog)
Open Access
Peer Review
Wissenschaftskommunikation
Citizen Science
Forschungsdatenmanagement
Open Educational Resources
Gender und Technologie
Urheberrecht
Chancen und Herausforderungen durch Digitalität und Datafizierung
(z.B. digitale Methoden)

Gründungsmitglieder
Dr. Sarah-Mai Dang, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Medienwissenschaft, Philipps-Universität Marburg
Dr. Adelheid Heftberger, Referatsleiterin Filmbenutzung, Das Bundesarchiv
Simon David Hirsbrunner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, DFG GRK Locating Media, Universität Siegen
Dr. Alena Strohmaier, Wissenschaftliche Koordinatorin, Zentrum für Nah- und Mitteloststudien, Philipps-Universität Marburg
Dr. Thomas Waitz, Senior Scientist und Studienprogrammleiter, Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Universität Wien

 

Transparenz statt Ruhm und Ehre? Nachwuchswissenschaftler:innen zu Risiken und Chancen von Open Science

Open Science – von Open Access über Open Educational Resources, Open Data und Open Peer Review bis hin zu Citizen Science – soll die Verbreitung und Nachnutzung von sowie den Zugang zu Wissen erleichtern. Ziel von Open Science ist es, Forschung transparenter und nachhaltiger zu machen und somit die Qualität von wissenschaftlicher Arbeit zu verbessern. Wie Open Science im akademischen Alltag aussehen kann, haben Stipendiat:innen des von Wikimedia Deutschland in Kooperation mit dem Stifterverband 2016 gegründeten Fellow-Programms Freies Wissen am 10. März auf der Abschlussveranstaltung „Wissen offen gestalten – Open Science in der Praxis“ in Berlin diskutiert.

Open Science ist vielfältig
Open Science wird von Fach zu Fach unterschiedlich praktiziert, die Ansätze sind vielfältig. Dies verdeutlichte der einleitende Film, in dem alle zehn Stipendiat:innen ihre Forschungsprojekte in 90-Sekündern präsentierten. So geht es dem Neurobiologen Benjamin Paffhausen etwa um das Teilen von Wissen zwecks Herstellung wissenschaftlicher Geräte zur Beobachtung von Honigbienen. Der Rechtswissenschaftler Hanjo Hamann wiederum veröffentlicht im Dienste der deutschen Justizgeschichte Dokumente, aus denen hervorgeht, welche Richter:innen welche Fälle bearbeitet haben. Die Wissenschaftssoziologin Klara-Aylin Wenten befasst sich mit MakerSpaces, partizipativen Werkstätten. Und die Filmhistorikerin Adelheid Heftberger, Mitgründerin des Open Access-Journals Apparatus, versucht beispielsweise ihre Kolleg:innen von alternativen, offenen Publikationsformaten zu überzeugen.

Die „Botschafter:innen des Freien Wissens“ setzen sich sowohl theoretisch als auch praktisch mit Open Science auseinander. Mit welchen fachspezifischen Problemen die Nachwuchswissenschaftler:innen dabei konfrontiert werden, zeigte die anschließende Podiumsdiskussion. Moderiert von Christina Riesenweber, Open Access-Beauftragte der Freien Universität Berlin, erörterten die Fellows Marion Goller, Juristin, Ruben C. Arslan, Psychologe, und Mirjam Braßler, Erziehungswissenschaftlerin, die Chancen und Schwierigkeiten von Open Science.

Das Recht erschwert freies Wissen
Jurist:innen seien Teil des Problems, konstatierte Goller. Das Bewusstsein für Open Science sei unter ihren Kolleg:innen noch nicht weit verbreitet, da die Quellen, die Gesetzestexte, ohnehin zur freien Verfügung stünden. Außerdem arbeiteten nur wenige Jurist:innen als Wissenschaftler:innen. Darüber hinaus profitierten sie von „closed access“, wenn ihre Lehrbücher in Veranstaltungen vorausgesetzt würden.[1]

Das derzeitige Recht erschwert nach Goller den Zugriff auf Wissen. Denn Vieles sei verboten. Sie bedauert, dass das US-amerikanische Prinzip des Fair Use in Deutschland nicht gilt und fordert eine harte Wissenschaftsschranke auf europäischer Ebene. Goller forscht zu Urheberrecht und freien Lizenzen und setzt sich für die Abschaffung von Patenten ein.

Wenn es um die Offenlegung von Daten und um die Nachnutzung von urheberrechtlich geschütztem Material geht, herrscht immer noch große Rechtsunsicherheit. Auch aus diesem Grund zögern Wissenschaftler:innen, ihre Forschungsergebnisse im Internet kostenfrei zugänglich zu machen. Zudem bedeutet Open Science einen erheblichen Mehraufwand, der noch nicht honoriert wird. Über diese Punkte waren sich die Podiumsgäste einig. Gar von Zeitverschwendung sei dann die Rede, berichtete Arslan.

Open Science ist riskant, aber effektiv
Open Science stellt nach wie vor nicht nur eine ungewöhnliche Praxis dar, sondern auch ein Risiko für die eigene Karriere. Erstens fehlt Wissenschaftler:innen die Zeit, die sie für die Aufbereitung von Forschungsergebnissen für die Allgemeinheit aufwenden, für weitere Publikationen. Zweitens haben Open Access-Veröffentlichungen noch nicht denselben Stellenwert wie auf herkömmliche Weise verfügbare Artikel in Fachzeitschriften oder Monographien, die gedruckt und bei traditionellen Verlagen erscheinen. Auch wenn es nach Riesenweber keine Korrelation zwischen Open Access und Qualität gibt, leiden frei zugängliche Publikationen unter dem „Impact Factor“, nach dem sich die Reputation einer Zeitschrift bemisst. Dazu kommen die hohen Gebühren, die Verlage von Autor:innen verlangen, um Publikationen open access zu stellen. Drittens machen sich Wissenschaftler:innen durch die Offenlegung von Experimenten und Forschungsprozessen angreifbar. So setze man etwa mit einer Präregistrierung, der öffentlichen Festsetzung von geplanten Studien, Ruhm und Ehre aufs Spiel, erklärte Arslan. Eine für ein stimmiges Erscheinungsbild sorgende Nachjustierung von Methoden, Daten und Forschungsfragen werde dadurch nämlich unmöglich. Obwohl diese Praxis zu einem Mangel an belastbaren Ergebnissen führt, ist sie wohl durchaus üblich. Arslan selbst sucht unter anderem über eine open source Fragebogensoftware der „Replizierbarkeitskrise“ in der Psychologie entgegenzuwirken. Er forscht zu romantischen Präferenzen und Beziehungsdynamiken.

Risiken muss jede Pionier:innengeneration eingehen. Doch letztendlich gilt es, einfach weiterzumachen, um andere von den Vorteilen offener Forschungspraktiken zu überzeugen und Open Science als Standard in der Wissenschaft zu etablieren. Dies war Konsens auf dem Podium. Dabei sei nicht nur an den Idealismus der Community zu appellieren, sondern durchaus auch an eigennützige Motive, findet Arslan. Denn mit Open Science verbänden sich auch viele persönliche Vorteile. So werde man durch transparenteres Arbeiten sowohl sichtbarer als auch glaubhafter. Und von Preprints profitierten alle.

Um einen Austausch auch über die eigene Disziplin hinaus zu ermöglichen, muss man nicht unbedingt den Weg über Publikationen gehen. Auch Plattformen, Blogs und Diskussionsforen fördern das kollaborative Arbeiten. Nicht nur in der Forschung, sondern ebenso in der Lehre. Davon ist auch Braßler überzeugt. Sie untersucht, inwiefern Open Educational Resources die persönliche Entwicklung von Studierenden beeinflussen und erstellt Handlungsempfehlungen, um Lehrmaterial transdisziplinär zugänglich zu machen. Meist lande es nämlich in der Schublade.

Fördermaßnahmen statt Open Burnout
Fazit der Podiumsdiskussion, die sich am Ende für Fragen und Kommentare aus dem Publikum öffnete, war, dass man an mehreren Punkten gleichzeitig ansetzen und einen grundsätzlichen Bewusstseinswandel nicht nur in der Wissenschaftskultur herbeiführen müsse. Dieser beginne bereits damit, sich von der Vorstellung von Wissen als Eigentum zu lösen. Sogenannte „shadow libraries“ wie SciHub könnten das Problem nicht lösen. Neben Verlagskonzernen ziehen profitorientierte Plattformen wie ResearchGate oder Academia.edu ihren Nutzen aus der mangelnden Offenheit. Politiker:innen müssten begreifen, dass Menschen nicht nur aus ökonomischen Gründen handeln und dass ein vereinfachter Wissensaustausch erheblich zur Innovationssteigerung beitrüge. Intransparenz, wie etwa in der Medizin, halte den Fortschritt auf. Deshalb bedürfe es mehr Anreize von politischer Seite für Wissenschaftler:innen, Open Science zu betreiben, zum Beispiel entsprechende Auswahlkriterien in Berufungsverfahren oder Fördermaßnahmen wie Deputatsreduktion. Schließlich wolle man kein Open Burnout.

 


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 Als die Universität Konstanz ihre Angehörigen zu Open Access qua Satzung verpflichten wollte, klagten Konstanzer Jurist:innen dagegen mit dem Hinweis auf das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit.

Wissenschaftler sind keine Unternehmer. Mein Gastkommentar im CHANCEN Brief von DIE ZEIT

Eine Kurzfassung meines Posts zu Wissenschafskommunikation erschien im CHANCEN Brief von DIE ZEIT

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Im Fahrstuhl zur Erkenntnis? Oder: Das Dilemma von Wissenschaftskommunikation

In ein paar Sätzen das postdramatische Literaturtheater eines französischen Autors vorstellen? Eben mal die Funktionsweise von Serialität und Wiederholung im Pornofilm erläutern? Den Unterschied zwischen ästhetischer und sozialer Erfahrung kurz auf den Punkt bringen?

Heute scheint es nicht mehr auszureichen, wenn Wissenschaftlerinnen lehren, forschen und publizieren. Neben Drittmittelanträgen für „Spitzenforschung“ und internationalen Kooperationen muss man zudem noch auf allen Social Media-Plattformen präsent sein und Ergebnisse öffentlichkeitswirksam vorführen. Dabei gilt hauptsächlich eines: Die Forschung muss verständlich sein. Am besten innerhalb einer Minute. Wie im sogenannten Elevator Pitch.

Der Elevator Pitch und Wissenschaftsevents
Ein Elevator Pitch dient in erster Linie der Präsentation der eigenen Person. Er soll verkaufen, dem Gegenüber den Nutzen eines Vorhabens verdeutlichen und für eine Sache interessieren. Deshalb muss der Pitch vor allem emotional ansprechen.

Zunehmend bedienen auch Wissenschaftlerinnen sich solch einer Vermittlungsform, in Science Slams, Science Notes  oder TED Talks.

Gegen unterhaltsame Präsentationen ist nichts einzuwenden. Gegen ein wachsendes Bewusstsein für den Zugang zu und die Verbreitung von Wissen erst recht nicht (Stichwort „Open Access“). Doch welchen Nutzen, welchen Sinn und Zweck haben Wissenschaftsevents und was wird eigentlich warum präsentiert? Was erfahren Menschen dort?

„What is it that the TED audience hopes to get from this?“, möchte auch der Kunst- und Philosophie-Professor Benjamin Bratton im Guardian wissen. Bratton gibt zu, dass die Talks ihn zwar amüsieren, doch dass er sofort wieder vergisst, worum es ging. Der Wissenschaftsjournalist Martin F. Robbins kritisiert im New Statesman, dass TED Talks nicht dazu dienten, Ideen vorzustellen und zu reflektieren, sondern dazu, „to make people feel good about themselves; to flatter them and make them feel clever and knowledgeable“.

Ich selbst habe mir zahlreiche TED Talks angesehen und bin von den Themen angetan und der Redekunst fasziniert. Und vor kurzem habe ich in diesem Blog auf einen großartigen Auftritt der Künstlerin Amanda Palmer verlinkt. Dennoch stellt sich auch mir die Frage, was bleibt wirklich hängen von den schillernden Präsentationen, den „ideas worth spreading“?

Wissenschaft und Gesellschaft
Laut des Wissenschaftsbarometers 2016, das im Auftrag der Organisation Wissenschaft im Dialog erstellt wurde, interessieren sich immer mehr Menschen in Deutschland für „wissenschaftliche Themen“, nämlich 41% der rund 1000 Befragten (im Unterschied zu 36% und 31% in den beiden Vorjahren). Ebenso viele finden allerdings, dass Wissenschaftler sich zu wenig darum bemühen, die Öffentlichkeit über ihre Arbeit zu informieren.

Aber was genau möchten die Befragten denn wissen? Handelt es sich bei der Forderung nach mehr Öffentlichkeit um eine allgemeine Kritik am akademischen Elfenbeinturm? Oder geht es tatsächlich um ein konkretes Interesse an Forschung?

Inwiefern Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen sich besonders schwer tun, ihre Erkenntnisse einem breiten Publikum zu vermitteln, warum sie weniger als Naturwissenschaftlerinnen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und ob sie Medien eher meiden, wurde vergangene Woche beim Berliner Stammtisch Wissenschaftskommunikation 2.0. diskutiert. Es wurde argumentiert, dass Texte sich eben schwerer als Experimente präsentieren ließen und dass Geisteswissenschaften weniger „anwendungsbezogen“ und damit weniger öffentlichkeitswirksam seien.

In der Diskussion wurde ein grundlegendes Dilemma von Wissenschaftskommunikation deutlich: dass die Komplexität von Erkenntnissen stark reduziert werden muss, um diese einem breiten Publikum verständlich zu machen. Dabei läuft man zwangsläufig Gefahr, Widersprüche und Ambiguitäten auszublenden. Begriffsgeschichten verschwinden hinter eingängigen Schlagworten.

Gleichzeitig hat der Kunstwissenschaftler Daniel Hornuff recht, wenn er in der FAZ schreibt: „Was nicht zur Aufführung gebracht wird, kann nicht verhandelt werden. Sich ungewohnten Ausdrucksformen zu verschließen, bedeutet also auch, das Streiten zu unterbinden.“ Geisteswissenschaftler sollten, so Hornuff, die Skepsis gegenüber den Medien hinter sich lassen und zu „Profis der Skepsis“ werden.

Allerdings darf man nicht übersehen, dass Wissenschaftler sich mehr und mehr darum bemühen, ihre Arbeit über Blogs, Twitter und Facebook – oder auf Wissenschaftsevents – sichtbarer und zugänglicher zu machen. Ebenso bedienen sich nun auch deutsche Universitäten zunehmend sozialer Medien, um für sich zu werben und sich nach außen hin zu öffnen, wie Anna-Lena Scholz im Tagesspiegel beschreibt.

Wissenschaftler sind keine Unternehmer
Einerseits sind die steigende Nutzung digitaler Vermittlungsmöglichkeiten und das verstärkte Interesse an Forschung erfreulich. Andererseits wächst mit der allgemeinen Forderung nach mehr Öffentlichkeit auch der ohnehin große Druck auf Wissenschaftlerinnen, ihre Tätigkeit zu legitimieren und sich inmitten all der „praktischen“ Berufe zu behaupten. Dass man sich mit einer Promotion oder gar einer Habilitation bereits als Wissenschaftlerin qualifiziert hat (und damit guten Gewissens forschen und öffentliche Gelder beziehen dürfen sollte), darf in der Diskussion um (mehr) Wissenschaftskommunikation nicht in Vergessenheit geraten.

Ob eine Forschungsfrage auf Anhieb verständlich ist und Ergebnisse sich hübsch verpacken lassen, gibt nämlich keinerlei Auskunft über die Sinnhaftigkeit eines Projekts. Und schon gar nicht über dessen Nutzen. Daher ist fraglich, ob der Elevator Pitch zur Darstellung wissenschaftlicher Arbeit taugt. In ihm zeigen sich höchstens die Präsentations- und Verkaufsqualitäten der Vortragenden. Doch Wissenschaftler sind keine Wissenschaftsjournalisten. Und erst recht keine Unternehmer.

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